Monday, March 07, 2011

Nach silbernen Fischen greifen

Sommerluft  schwappt schwerfällig ins Zimmer, Sirenengeschrei verfolgt Abgasfetzen, blaue Ziffern blicken lustlos in den Raum. Sonnenstrahlen werfen durch den Fensterspalt einen hellen Fleck aufs Laken, ich berühre ihn kurz mit den Zehenspitzen, ziehe schnell den Fuß zurück, er ist mir fremd, schmerzt, ein Stechen fährt durch meine Glieder und darin jeder Tag, jeder einzelne. Jede Woche, jeder Monat, jedes Jahr, jede Minute, jede verdammte Sekunde. 

In meinem Kopf rauscht das Brummen der Stadt, frage leise, wie viele Köpfe mit mir rauschen, sich vormachen, es sei das Brummen der Stadt. Um mich unzählbar Viele, die Nächsten getrennt durch eine schimmelnde Pappwand, ein Ameisenhaufen, ein schwitzender, schlafender, wachender, kopulierender, fressender, schreiender, gebärender, liebender, schmerzender, sterbender, weinender, lachender, stinkender, laufender, saufender, sich leidvoll windender - ich erwache mitten auf dem Schlachtfeld und berühre mit den Zehen für eine kurzen Moment das Licht auf weichem Rasen. 

Ich erinnere alles, erinnere Mich, reiße den Wecker aus der Stromzufuhr, werfe ihn an die Wand, töte sein unerträgliches Grinsen. Wie konnte ich daneben all die Jahre schlafen, konnte ich seelenruhig das Licht löschen, in einen Nebelfluss gleiten, dessen Strömung ich mich täglich nicht stellte? 

Feige bin ich, gehe mir selbst auf den Leim, verstecke mich jeden einzelnen Tag neu, nachts unter der Decke, tags in meiner Richtung, der ich unbeirrt folge, niemals umdrehen, niemals zur Seite sehen, niemals zu weit nach vorn, immer auf die Schuhe, auf die geleckten Lacklederschuhe, die verweichlichte Füße verstecken, auf die Schnürsenkel und ihre geknotete Entstellung, die ich geleitet durch Mutters Hand und Großmutters und jeden Tag aufs Neue binde und löse und binde. Alles ist klebrig.

Meine Spiegelung kenne ich, berühre das Glas mit den Fingerspitzen, küsse meine Lippen, ziehe mit der Zunge den Pfad durch Raum und Zeit, einen trügerischen Pfad, hier darf ich sicher sein, nicht zu viele Fragen stellen, vor, zurück, schon knietief immer im Kreis, zurück und vor im Schatten der riesigen Stadt, die sich dehnt und von allen Seiten drückt, jeden Moment droht sie auf mich einzustürzen. Ich lebe am Hang eines Vulkans, schaue nie nach oben, bin nicht vorbereitet, wenn die Wolke kommt, ein Schirm ist einziger Schutz, klammere mich daran und glaube fest an seine Wirkung. 

In meinem Spiegel blendet die Sonne, ich blinzel und denke an Heimkehr und Wiedersehen, kenne meine Pfade gut, jeden Schritt, jedes Hindernis, jeden Stein, jede Ecke, Straße, Ampel, Rasenfläche, Parkbank, Plakatwand, Baum, Schild, jede Nuance, jeden Schatten, jeden noch so unscheinbaren Neuanstrich. Das Material kenne ich nicht.

Meine Schritte pendele ich ein, meistere meinen Weg ohne zu halten, die Ampeln springen sofort auf Grün, die Bahn fährt immer gerade ein, abgesteckt, abgepasst, wenn ich sie verpasse, liegt es nicht an mir, kenne den Mann mit Hund und den mit Hut und Stock, kenne die Putzfrau, die Mutter mit Zwillingsmädchen, die sich auch von hinten unterscheiden, obschon alle sagen, man wisse nie, auch der Mann im Kiosk weiß Bescheid, meine Zeitung liegt bereit, ich ziehe passendes Kleingeld aus der linken Hosentasche. 

Still liege ich auf dem Bett, starre an die Decke, es gibt nichts zu zählen, meine Zeit steht, die der anderen kreist um meine Gedanken, die Zentrum sind und nicht vorhanden. 

Ein Meer aus Sand wiegt auf meiner Brust, drückt mich in die Kissen, Salzwasser fließt durch meine Lungen, hinterlässt kleine Kristalle, die sich an Ränder setzen, Spuren in Blasen, die mich irgendwann töten und sich dann selbst auflösen. 

Silberne Fische schwimmen über meiner Stirn, drehen ihre achtförmigen Schleifen, manchmal träume ich, mein Haus stürze ein. Meine Freunde schlafen mit mir unterm Dach und mitten in der Nacht kippt das Haus nach links, der Dachstuhl rutscht auf die Seite, ich laufe von meinem Zimmer in das meiner Freunde, sie schlafen noch, wie soll ich sie da retten? 

Die Fische schwimmen durch die Zimmer, stoßen nie an, schwimmen auch durch Wände, stören sich nicht daran, ob mein Haus steht oder fällt, bleiben ihrer Route treu und zeigen sich mir nur ausnahmsweise. 

Wenn ich nach den Fischen greife, umschwimmen sie gekonnt meine Hand, galant, als hätten sie schon immer gewusst, dass in diesem Augenblick meine Hand nach ihnen greife. Ich kann sie nicht berühren, versuche es nur noch selten, bin mir nicht sicher, ob es sie gibt. Ich sehe sie und ihre silbernen Leiber. 

Ich packe meine Sachen, verlasse das Haus, fluchtartig gehe ich auf Reisen, durchwandere von meinem Bett aus Kontinente und erahne meine Schwerelosigkeit. Die Kristalle in der Lunge sind einziger Anker, ohne ihren Druck strömte ich ins All und verlöre mich in Endlosigkeit. 

Wer weiß schon wohin? Ich gehöre zu dir, doch kenne dich nicht, frage manchmal nach dir, frage worauf du wartest, ist die Zeit nicht längst gekommen, oder bin es ich, der noch wartet? Würde so gerne nach dir greifen, doch wie ein silberner Fisch umschwimmst du mich, schweben wir  aneinander vorbei, ohne uns zu streifen. 

Der helle Fleck aus Licht fließt langsam übers Bett, noch kann ich ausweichen, bald lässt er mir keinen Winkel mehr, keinen Millimeter, auf den ich mich zurückziehen kann. Ich werde mich nach kühlem Schatten sehnen, mich erinnern an den kleinen Fleck Sonne am Rande des Lakens, werde in gleißendes Licht tauchen und niemals mehr schlafen und träumen wie zuvor, alles schreitet voran.