Sunday, April 26, 2015

Ganz frei und unangekettet

Wieviel mehr noch muss ich festhalten, er hört gar nicht mehr auf, dieser Drang, mich festzuhalten, um nicht abzutreiben, alles festzuhalten, festzuzurren, damit es mit mir nicht seinen Schabernack treibt, etwa wild und zügellos, um mich herum, damit es sich einfügt und fügt, ganz starr wird, erstarrt, damit es so aussieht, als triebe ich nicht, damit es so aussieht, als stünde ich. Auf festem Boden, mit beiden Beinen etwa, oder gar nur auf einem, ohne die Balance zu verlieren, ohne mich zu erinnern, daran zum Beispiel, dass sich jeden Moment ein beliebiges Element aus dem Zusammengetriebenen lösen oder sich sperren könnte, einfach nicht mehr mit will, nicht mehr mitmachen will bei meinem Verfestigungswahn, sich auflösen, abspalten, untertauchen, lautlos heimlich oder laut knarrend verschwinden und abtreiben will, zuerst noch im Sog, dann weiter fort, vollends ausbrechend aus meiner Schneise im Unergründlichen. 

Immer diese Meeresmetapher für etwas, das weit und undurchsichtig daher kommt, das ich nicht greifen kann, dem ich mich ergeben, dessen Fluten ich nicht abwehren und über mir einbrechen lassen, dessen Schönheit ich mich aussetzen muss. Ich kann mich nicht entziehen. Ich muss mich warnen, um nicht in entrücktes Entzücken zu verfallen, unterzugehen, zu ertrinken in der Schönheit des Untergangs.

Ich deute Träume, nicht meine. Ich ermahne, verweise auf die Nicht-Linearität. Ich schreibe mit der Hand und werde mir meines Schriftbildes bewusst, immer flüchtig, immer wechselnd, nie gleichförmig und schön. Ich höre mir Bestellungen an: Ohne Weizen. Ohne Glutamat. Ohne Zucker. Ohne Laktose. Ohne Sahne. Ohne. Ohne. Was ist denn in den Bestellungen noch drin? Ich bestelle einfach nur, lass mir alles kommen, von jedem Ding ein kleines Stückchen bitte, möchte probieren, mich versuchen an Torten und an Zuckerguss, an Broten, an jedem einzelnen Kaffeegetränk. 

Von hinten ähneln die Menschen einander mehr. Früher, bevor ich weit weg ging, konnte ich sie besser unterscheiden, die Hinterseiten der Bekannten von den Unbekannten. Jetzt scheint alles gleicher. Haaransätze, die Haltung, der leicht gebeugte Gang, ist das nicht der, nein, ist er nicht, eine Verwechslung, bitte, entschuldigen Sie, ich habe gedacht. Der aus dem Norden oder weiter im Süden, höfliche, leicht verängstigte Klang. Eins zweiundzwanzig bitte. Sechs Brötchen. Das ist die Haschtorte; man erfindet sich neu. Selbst telephonisch werden Bestellungen entgegengenommen. Und außerdem?
Außerdem?
Kommt da noch was zu? Guten Tag, vielen Dank, auf Wiedersehen. Schoko-Kirsch und Zitrone. 
Gern.

Es ist Sonntag. Der Nachbar schlemmt. Entkoffeiniert natürlich. Alles in Maßen. So sieht das hier aus. An der Wand hängen Urkunden, vom Vater, vielleicht Großvater schon, Auszeichnungen, Meisterbriefe nebst Bildern vom Fertigungsprozess, zwei Stücke Heidelbeer und ein Kranz noch ganz roh, Plätzchenteig, ausgerollt auf Backpapier, der Brotteig zwischen fleißig knetenden Händen, alles einstudiert, tausend mal ausprobiert, probiert, umdrappiert. Heute das Gleiche mal anders. Man sitzt mitten drin. Gleich nebenan hinter der Tür, die jetzt geschlossen ist. Zwei Becher Kaffee, bitte. Zum Hiertrinken. Wer bekommt? Einmal bitte hier. Nichts entgeht mir. Ich sitze auf meinem Floß und treibe. Die Haschtorte will niemand, die kommt nicht gut an, wird bald aus dem Sortiment verschwinden oder einfach umbenannt.

Ich treibe in der Backauslage und verliere mich in Gedanken an ein Fahrrad, das nicht meines ist, nur geliehen, habe es hier her bewegt und draußen abgestellt, ganz mutig ohne Schloss, ich wollte nur kurz rein und bin dann an Kaffee und Kuchen hängen geblieben, wird schon gut gehen, von hier aus kann ich das Rad gar nicht sehen, die Menschen haben doch Manieren, wenn es nur meines wäre, doch das Rad gehört nicht mir. Plötzlich fühle ich mich verantwortlicher. Wäre es meins, ja wäre es, aber ist es ja nicht. Was, wenn es sich heimlich davon macht, jetzt gleich, während ich noch mit der Konfitüre im Mundwinkel ...  

Das Donnerwetter ist bereits abzusehen. Ich werde mich entschuldigen müssen und versuchen, zu erklären, vom Treiben sprechen und davon, dass es nichts Festes gibt, was wirklich zu einem gehöre, alles nur so aussähe, es tue mir leid, ich hätte fester zurren müssen, es ist heimlich abgetaucht, ich bekam das so schnell gar nicht mit, sonst wäre ich doch hinterher, hätte doch versucht, dem nachzugehen, nachzurennen. Jetzt sind wir bereits bei vier Euro zehn. Das sind dreihundert Rupee. Was  man damit alles ...

Sie will meine Deutungen hören, um sich zu versichern, sich abzusichern, sich zu bestätigen, dass es an der Zeit ist. Sie nimmt mich auf und löst sich ab. Es ist an der Zeit zu gehen. Ich kann dir nicht sagen wohin. Noch treibst Du mit, doch bald werde ich die Richtung wechseln, den Kurs ändern,  Fahrt aufnehmen, mich hinaus manövrieren, aus der täglich neu aufkeimenden Gewohnheits-Verviefältigungs-Fabrik, ins Tausende wandelbar, immer fast wie neu, Hobbies, Gerichte, eine neue Damenausstattung, morgen spielen wir Klavier und übermorgen machen wir eine Besichtigung. Wenn es uns zu bunt wird, dann bleiben wir einfach liegen, lassen die Fenster und Türen zu, unerhört, heimlich halten wir den Atem an, die Augen einfach still, ruhen uns aus auf der Gewohnheitsgarnitur, auf dem Wissen, dass wir immer beschäftigt sind, wenn wir nur wollen, fürs Gewissen, die Bildung vielleicht oder den Verlauf. 

Niemand schaut mich an. Horden sind bereits an mir vorbei gezogen. Eine schaut kurz auf und wundert sich. Ansonsten werde ich ingoriert, hier im Backwarensortiments-Café. Vielleicht bin ich gar nicht fehl am Platze, gehöre hier doch hin. Genau in diesen Moment. Genau an diesen Ort. Genau so. O, entschuldigung! Kommt noch was dazu, darfs noch etwas sein?
Nein, ich bin fertig für heute.
Bitteschön. So, wer bekommt denn dann? Die Regenwolken lösen sich auf. Das Fahrrad steht noch an seinem Fleck, ganz frei und unangekettet. Ich breche auf und schaue nicht zurück. Nächste Station: Universitätsbibliothek.