Saturday, April 11, 2015

Vielleicht übermorgen nicht mehr

Ich saß auf der Ledercouch der Professorin der Anthroplogie, Erinnerungen an Afrika an der Wand, die mich wiederum unentwegt an Indien erinnerten, während der Rest Deutschlands Veganer-Werden spielte, und wusste nicht, wie mir geschah. Gerade aus Indien zurück, versuchte ich, ohne festem Dach über dem Kopf, zu promovieren, und fragte mich, was eigentlich mein Ziel war, beziehungsweise, ob es überhaupt Sinn mache, diese Frage zu stellen, grundsätzlich, und zum Teufel mit der Grundsätzlichkeit und mit der Frage an sich sowieso.

Ich war nicht wenig erstaunt über die Erkenntnisse und die nicht länger schweigsamen Stimmen, die sich in meinem Kopf tummelten. So Vieles wollte durchdacht werden, sogleich und entschieden. 

Man nahm mich auf und ließ mich wohnen, in fremden Wohnungen, die selbst nicht fremd waren, sondern ich war es, der fremd war. Ich nahm dankend an, ohne dass mir eine Wahl geblieben wäre, aber nein, ich war wirklich dankbar. 

Ich fuhr auch Heim zur Familie und hörte mir erneut das nicht unbegründete >Wenn Du gehst, dann sehen wir uns nicht wieder< an. Der Ruf, dem ich in die Deichlandschaft gefolgt war, blieb rätselhaft, löste sich weiterhin nicht auf; auch oder zumindest in diesem Punkt blieb alles wie zuvor. Glücklicherweise konnte ich Feiertage vorschieben. Wenn es hart auf hart gekommen wäre, hätte ich mich mit den Feiertagen entschuldigt. Die Großeltern waren alt, Erkrankungen schmerzhaft und schleichend, Vorwürfe unberechtigt, ich ließ nichts zu nah an mich heran. Egoismus, Selbstschutz. Eine Mischung aus beidem.

Aus einem unerklärlichen Grund war ich genervt von mir. Ich war mir selbst zu schwer. Zu existent. Zu laut in der Stille. Ständig wurde ich erinnert an mein Vorhandensein. Ich war jetzt wieder da. Wollte wieder weg. Aber erstmal war ich da. Damit musste ich mich arrangieren. Und nicht nur ich. Kaum Geld in der Tasche, ließ ich mich aushalten. So kam es mir vor. Manche hielten mich gerne. Andere nicht. Es war ein ständiges Abwägen. Nähe, Distanz, irgendetwas dazwischen. Ja, mich gibt es wirklich. Hälst Du mich aus? Heute? Und morgen? Vielleicht übermorgen nicht mehr. Anstrengend. Ich hätte mich gern klein gemacht oder in die Wand gepresst und wäre darin einfach und unauffindbar verschwunden.