Thursday, May 14, 2015

Die ältere Dame

Es gibt dort eine ältere Dame, die will sich im Gartenteich des Altenheims ertränken. Ständig muss jemand hinter ihr her; man darf sie nie allein nach draußen lassen. Zurecht gemacht in Sonntagsgarnitur wandert sie umher. Ich beobachte es durch das Fenster meiner Raumstation. Da kommen schon die Pfleger. Manche Leute wollen sich umbringen. Manche Leute wollen Leute, die sich umbringen wollen, davon abhalten, sich umzubringen. 

Alles sieht so klein aus von hier oben. Riesige Landschaften, ich bräuchte Jahre, sie zu Fuß zu durchqueren. Ich sehe klein aus von dort unten, hier oben in meiner Station. In ein paar Minuten könnte ich unten bei der Dame sein. Von ihr bis in die Mongolei bräuchte es eine Ewigkeit. Jemand hat dieses Atemloch ins Vakuum geschossen, damit ich den Sternen näher sein kann. Im Hintergrund läuft Klaviermusik. Im Vordergrund die Welt auf ihrer Bahn. Die Sonne am Rand. Im Verhältnis zu diesem Teil der Erde ein Aufgang. Ein Untergang zum anderen. 

Die Katzen haben Hunger, ich höre die Glocke im Heimgarten. Kein Vogel könnte so hoch fliegen. Manchmal versucht es einer. Manchmal zerschreddern Düsenflieger die Tiere. Die Wolken am unteren Teil des Planeten lösen sich in Regen auf. Der fällt aus meiner Sicht nach oben und zum Erdkern hin. Riesige Wassermassen schieben sich um Erdplatten und durch gigantische Täler. Manchmal bebt der Planet, und alles stürzt ein. Auch das Jahrtausendalte. Nur die flüchtigen Daten des Internets haben Bestand. Mancher baut sich eine Datenbahn. Mancher ein Archiv aus allen Dingen. Mancher verfolgt auf seinem Laptop den aktuellen Stand der Raumstation. Im Verhältnis zur Sonne. Die scheint auf ein kleines Mädchen am Ufer des Ganges. Ein Stückchen weiter hinauf verbrennen Tote. Noch ein Stückchen weiter treiben Leiber auf. 

Die ältere Dame war niemals in Indien. Sie sehnt sich nach dem Teich. Oder nach meiner Raumstation. Da sind die Pfleger wieder. Die ältere Dame schaut zu mir herauf.