Ich habe mir
einen Vorratsraum gebaut. Ich sitze hinter Gardinen, die mich von der Außenwelt
abschirmen. Die Sonne erhitzt den Raum. Das Atmen fällt schwer. Der Vorratsraum
beinhaltet einen Rucksack gefüllt mit Wasser, Milch, Trockenbrot, Aufstrich und
Schokolade. Die Schokolade schmilzt langsam in ihrem Einwickelpapier. Ich esse
sie nicht. Ich lasse sie schmelzen. Ich bereite mich auf einen anstrengenden
Flug vor. Ich weiß nicht, wie lange er dauern wird.
Der Vorratsraum
befindet sich zwischen zwei großen Regalen, sieben Etagen hoch, dahinter mehr
Regale, das komplette Feld um meinen Vorratsraum besteht aus einem riesigen
Raum gefüllt mit Regalen, ein Schlachtfeld aus Regalen, dazwischen Krieger mit
aufgeschlagenen Büchern, manche schlafen. Die Regale tragen das schwere
Buchstabenpapier. Die Einschläge der Bücher sind schwer und dunkel und leicht
und bunt. Ich baue mir ein Dach aus aufgeklappten Büchern.
In meinem Vorratsraum
steht ein Tisch. Der Tisch ist lang und geht über meinen Raum hinaus, verbindet
mich mit der Aussenwelt, mit dem Schlachtfeld der Regale, auf dem die Krieger
schlafen, mit dem, was ich hinter dem Schlachtfeld vermute. Die Krieger sind
nicht tot, blutleer, sie schlafen nur. Ich kann ihre Träume hören. Ein Kanal
bahnt sich einen langen Weg zum Fluss, schlängelt sich zum Meer. Mein
Vorratsraum ist eine Schleuse. Manchmal drehe ich das Rad, das Schleusentor
hebt sich nach oben, das Wasser strömt dann schneller, schäumt auf. Manchmal,
wenn ich mich vor dem schäumenden Wasser fürchte, schliesse ich das Tor. Das
Wasser senkt sich, bis die Fische unter der Oberfläche kaum noch Platz haben,
kaum noch atmen. Sie legen sich auf die Seite und schauen aus einem Auge zu mir
empor. Aale schlängeln sich. Alles verlangsamt sich. Ich atme durch ihre
Kiemen. Glitschige Fischbäuche glitzern in der Sonne, heben und senken sich.
Ich atme unter Wasser, halte ganz still, bewege mich nicht.
Der Tisch meines
Vorratsraums ist rot. Auf dem steht ein goldener Laptop. Manchmal ruckelt der
Laptop, denn er ist schon alt, jeden Moment droht Absturzgefahr. Ein alter
Bergsteiger, der es noch einmal wissen will an der viel zu steilen Wand. Ich
schaue ihm von unten zu. Es gibt kein Netz, kein dickes Seil. Alles hängt an
einem goldenen Faden. Mit diesem goldenen Faden kann ich mich vernetzen. Goldene
Linien spinnen sich. Spinnen sich aus von den Bergen zum Meer. Fischernetze
durchstreifen glitzernd das Wasser. Ihre Struktur ist kleinmaschig. Sie
schleifen alles mögliche mit. Zum Beispiel die neuesten Weltnachrichten oder Buchstaben
der Weltliteratur. Das Schlachtfeld um meinen Vorratsraum ist klein und kann
nicht alles tragen. Vielleicht sind die Krieger doch gestorben, erdolcht von
den Weltnachrichten, ertrunken an der zu schweren Literatur. Ich kann mich vernetzen,
z.B. mit denen, die so sind wie ich. Die Anzahl der Knotenpunkte nimmt ab und
zu, manche tauschen sich aus, manche verlieren sich, manche verliere ich,
manche verlieren mich. Die Anzahl der Maschen nimmt zu und ab. Manche vergessen
mich. Es gibt immer große Erwartungen. Ich komme nie hinterher.
Ich ziehe ein
Buch aus dem Regal. Es handelt von lesenden und schreibenden Frauen. Sappho spricht zu mir. Es zeigt Gemälde, ganze Gemälde in diesem kleinen Buch, ganze
Welten von lesenden Frauen, alte Gemälde von jungen Frauen, die schreiben. Alte Gemälde, die
mir zeigen wie malende Männer lesende Frauen betrachten, als wären sie ein
Wunder. Draußen, hinter dem Fenster, wird ein Mädchen angefeuert. Draußen gibt
es Sportplätze und Sonnenwiesen. Ich schließe sacht die Tür zu meinem
Vorratsraum. Sacht, damit die Krieger nicht erwachen. Es wird stickiger. Die
Milch wird sauer. Die Fische winden sich. Doch das ist jetzt egal, mein Herz
verliert sich in Zeilen, ich teile diese Zeilen, zerteile sie, und dann
verliere ich mich in zeitloser Zeit, das Haar verknotet, im Nacken ist mein Haar
ein Nest aus Locken, ein Nest ohne Fälkin, hoch oben in der Felswand, die
Fälkin ist ausgeflogen, das Herz pocht schnell, der Atem ist flach, die Flügel
schlagen, ihr Auge ist scharf, gerichtet auf den Horizont, gerichtet auf den
Falken, immer leicht hinter dem Sichtbaren, immer gerade noch nicht erkennbar,
immer ein wenig außerhalb des Bereichs.
Ich träume die Sicht
der Fälkin. Ich wünschte, der Falke, das Falkentier wäre nicht so weit von hier.
Ich würde ihm meinen Vorratsraum zeigen, würde alles mit ihm teilen, alles
würde ich ihm überlassen. Er würde ihn in einen Palast umbauen. Ein ganz
kleiner, sehr einfacher Palast zwischen Bergen und Meer. Ich sende ihm eine
Nachricht und der Falke antwortet mir. Er antwortet mir jetzt oft. Meist gleich
oder kurz darauf, am nächsten Tag, vielleicht in der nächsten Woche. Er
antwortet mir oft aus der Erinnerung.
Das hat sich
geändert. Ich verharre nicht mehr in Schweigen und Stille, ich verharre jetzt
in Erwartung, ich schöpfe Hoffnung, vielleicht eines Tages, vielleicht werde
ich eines Tages teilen. Meinen Atem. Meine Erinnerung. Meine Erschöpfung. Meine Erwartung ist nicht
freudig. Meine Erwartung ist. Nichts weiter. Erwartung. Ich verharre. Ich blicke
zum Horizont, darüber hinaus, erspähe irgendwo den Falken. Er atmet in mir. Die Krieger
schlafen noch.
Draußen ist alles
klebrig. Gedanken spinnen mich ein. Ein klebriger Kokoon. Salziger Honig klebt
an meinen Gliedern, verklebt mein Haar, verklebt auch die Flügel. Nichts ändert
sich. Alles ändert sich unmerklich. Ich sitze in meinem Vorratsraum, alles ist
klebrig, ich existiere nicht mehr, nur noch der Falke in mir. Der Falke fliegt und treibt mein Herz an, treibt
mich hoch hinaus. Von dort oben schaue ich auf meinen Vorratsraum. Er sieht
ganz klein aus. Von dort oben sehe ich auch das Nest in der Steilwand. Das lockige
Nest, noch immer leer. Es ist Ausgangsbasis und Endzustand. Von dort schwingt
sich alles auf, dort landet alles. Die Fälkin ist ausgeflogen. Ich höre ihren
Schrei. Weit draußen hinter der Steilwand über dem Meer. Die Maschen des Netzes
verkleinern sich. Goldene Fäden. Goldene Locken. Die Sonne senkt sich hinter
den Horizont. Dort fliegt der Falke, dort schläft er, dort weiß ich ihn aufgehoben. Dort atmet er.